Gedächtnisausstellung für den Maler Hans Freiherr von Geyer zu Lauf

Im Foyer der „Metzger-Gutjahr-Stiftung“ in Emmendingen findet bis am 21. Oktober eine Gedächtnisausstellung für den Maler Hans Freiherr von Geyer zu Lauf statt, der vor 50 Jahren in Freiburg bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückte. Er hat ein überschaubares Werk hinterlassen, für dessen Sammlung und Pflege seit nunmehr 25 Jahren der „Freundeskreis Geyer zu Lauf“ e.V. in der Großen Kreisstadt tätig ist.

Den Besucher empfangen zwei Arbeiten: „Freiburg vor der Zerstörung“ und „Herbst-Waldstück“ mit dem darauf geschriebenem Gedicht. Es sind dies zwei Schlüsselbilder für das Werk des Künstlers. Vor allem die Zerstörung der „mütterlichen Stadt“, wie er sie nannte, war ein seelischer Schock für ihn. Das Inferno der brennenden Stadt, das er mit seinem Bruder Helmuth zusammen nach dem Bombenangriff vom Schlossberg aus mit ansah, prägte ihn, nach den schweren Krankheiten in der Jugend, der dunklen politischen Zeit und der ehelichen Entfremdung, am meisten. So ist das Rot in seinen Bildern, wie „Der schwarze Baum“ und „Astern“ u. a., nicht freudig, sondern schmerzhaft. Und das Schwarz, das er seinen Bildern als Flecken, Spitzen und Bögen einfügt, ist bedrohlich.

Das Hebbel-Gedicht im zweiten Bild lautet: Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah. Die Luft steht still, als atmete sie kaum. Und dennoch fallen fern und nah die schönsten Früchte ab von jedem Baum. Oh stört sie nicht, die Feier der Natur. Dies ist die Lese, die sie selber hält. Denn heute löst sich von den Zweigen nur, was von dem milden Strahl der Sonne fällt. In der romantisch-poetischen Aussage des Gedichtes verbirgt sich als harter Kern die Überzeugung, dass die Natur autonom ist: sie braucht den Menschen nicht, er aber sie. Im Werk des Malers steht seine Liebe zur Schönheit und Kraftfülle der Natur der eigenen Leidenserfahrung gegenüber.

Er liebt seine Heimat, deren Zauber er in den Aquarellen „Auf dem Mauracher Berg“ und „Am Rhein“ einfängt. „In den grünen Bergen“ und „Drei Bögen im Winterlichen“, wo die Natur von schwarzen, abstrakten Formen bedroht scheint, geht er über das Abbild hinaus. Die benachbarten Blumenstudien in Silberstift-Technik zeigen wiederum, wie liebevoll er die Naturform studiert und meisterlich beherrscht. Am Ende der Reihe spielt er in Escher-Manier mit der „Spiegelung“ der Christbaum-Kerzen in einer Fensterscheibe, hinter welcher ein Baum im Freien erkennbar ist. Die Stücke „Klematis und Mond“, „Gartenblumen“ und „Wachsendes“ ergänzen diesen Bilderbogen, der von der großformatigen Landschaft „Ausblick in den Frühling“ abgeschlossen wird. –

Die Kräfte der Natur und aus dem Kosmos wirken auf den Menschen, der auch ihr Bestandteil ist. Er steht unter ihrem Einfluss und erlebt sie z. B. im Traum, in dem sein selbständiges Unbewusstsein für ihn im Schlaf (auf)arbeitet, oder auch kosmisch etwa durch das Flüssigkeitsverhalten der Erde, das von ihrem Begleitgestirn, dem Mond, abhängt. Das Fluidum solch mächtiger Naturkräfte zeigt der Maler Hans von Geyer zu Lauf in seinem Werk. Er besingt sie in der ihm eigenen Sprache – und er warnt gleichzeitig vor ihrer Störung und Zerstörung durch den Menschen.

Dies ist die Aussage der Reihe der „Traumbilder“, wie sie der Künstler benennt, im großen Ausstellungsraum. Gleich das erste, auf dem die Bäume über Häuser stürzen, trägt den programmatischen Titel „Bedrohtes Weltbild“. Daneben, „Im Traum“, wächst der Wald über das Menschenwerk und alles Gold versinkt im ewig fließenden Wasser. „Der Ruf des Kranichs“, der zart und zerbrechlich in einem lichten Urwald voller Blüten und Schmetterlinge steht, ist ein Warnruf vor dem Raubbau des Mensch an der Natur. Im „Versponnenen Rhythmus“ sucht sich die Kreatur – genauer: „wir selbst“– zwischen Welken und Blühen, d.h. Vergangenheit und Gegenwart, zurecht zu finden. Die Blumen- und Farbenpracht von „Das Fest ist aus“ wird von einem roten Springteufel angegangen, der die Kerzenlichter des Festes verwehen lässt.

Im Großformat „Winterliches Lied“ erinnern die Kiefern an ostasiatische Malerei. Singvögel bevölkern Busch und Bäume, die kältestarr und schneebedeckt verharren, während zwei bedrohliche Elstern einem kleinen Vogel nachjagen. Aus der hellen Tiefe des Bildes nähert sich dem Betrachter eine Reihe von rötlichen Blumensonnen, deren Kern dennoch aus Eis zu sein scheint, und wollen ihm Hoffnung auf eine wärmere Jahreszeit machen. Helligkeit in den Gründen seiner Bilder ist überhaupt ein Merkmal der Malerei von Hans von Geyer zu Lauf. Er beantwortet damit drohende Gefahren mit dem Prinzip Hoffnung. Begrenzende Horizonte sind selten.

Seine eigene Befindlichkeit wird klar im Nebenraum, wo das Ausgeschlossensein („Letztes Licht“), die Einsamkeit („Gesang der Frühe“) und die Trostlosigkeit („das namenlose Bild“) mit drei Baumbildern eingefangen sind, die sehr wohl als Selbstbildnisse gelten können. Gegenüber hängt die Reihe vom „Tod der Seele“ mit den zehn Allegorien von Hoffärtigkeit, Geilheit, Bosheit, Kopflose Flucht, Heuchelei, Verspottung, Aufgeblasenheit, Entsetzen, Wut und Gefräßigkeit. Hier zeigen sich auch frühe Wurzeln seines Leides, die er, sehr bezeichnend, durch menschliche Behausungen, darstellt. Das Leben des Malers wird in seinem Werk sichtbar.

Ausgelöst von den im Zweiten Weltkrieg zutage getretenen Vernichtungskräften durch den Menschen und seine zerstörerischen Erfindungen, sieht der empfindsame Künstler zunehmende Eingriffe der Menschheit in die Natur voraus, deren Macht und Schönheit er in seinem mehrteiligen Hauptwerk „Ein kosmischer Gesang“ (nicht in der Ausstellung) schildert. Er warnt in seiner Sprache vor dem Verlust des Gleichgewichts der Kräfte in der Natur, das sich in Jahrmillionen herausgebildet hat und zeigt damit schon früh – und seiner Zeit weit voraus – in seinen Bildern ein ausgeprägtes umweltpolitisches Bewusstsein.

Der Autodidakt fertigt seine Farben selbst und nutzt die Lasurtechnik Albrecht Dürers, die er für sich verfeinert. Er notiert in seinem Tagebuch: „… mit der Untermalung al prima in leuchtenden Aquarellfarben auf (isolierte) Gipskreidegründe. GroßeAbkürzung. Darüber Mischtechnik, also Harzfarben-Lasuren und Tempera“. Diese Technik, die für die Übermalung als Bindemittel nicht Öl, sondern Dammar- und Mastixfirnisse verwendet, begründet die erstaunliche Leuchtkraft seiner „diaphanen“ Malerei, wie er sie nennt. Zwei, bei seinem Tod unfertig im Atelier vorgefundene Beispiele dieser Mischtechnik befinden sich an der Rückwand des Nebenraumes.

Zusätzlich läuft in der Ausstellung die Video-Arbeit „Traumsymphonien Geyer zu Lauf“ des Video- und Filmkünstlers Erik Sick aus Köln, der mit filmischen Mitteln den Zusammenklang der „Traumbilder“ des Künstlers mit der Natur aufzeigt. Zwei Tischvitrinen informieren über Familie und Arbeit des Künstlers und über die „Sammlung Geyer zu Lauf“ in Emmendingen.

Die „Traumbilder“ sind sinnbildliche Bekenntnisse des Künstlers zur Schönheit der Natur und ihrer Kräfte, zugleich aber auch zu ihrer Verletzbarkeit und Gefährdung. Es ist eine geistig-geistliche Malerei von hohem handwerklichem Können.