Start Ausstellungen Leiselheim 2008

Zur Ausstellungseröffnung im Brunnenstüble in Leiselheim am 13. 3. 2008:

Hans von Geyer zu Lauf war ein bedachter Mensch und Maler, als beides ein Systematiker, der nicht ohne Planung an die Dinge heranging. Dies verrät uns seine lasierende Maltechnik, die immer wieder Zeit zur Zwischentrocknung erfordert. Dies verrät uns aber auch sein immer wieder auftauchender Hang zu Zyklen und Reihen von thematisch zusammengehörigen Bildern. Für beides sehen wir hier Beispiele.

Die beiden Zyklen, die hier zusammen ausgestellt, auch gegeneinander gestellt sind, scheinen zunächst nichts miteinander zu tun zu haben. „Der blaue Zyklus“ besteht aus Aquarellbildern, welche sieben Schwarzwaldansichten zeigen. „Der Maienfelser Zyklus“ besteht aus sechs Mischtechniken, welche verschiedene Erinnerungsbilder wiedergeben, die der Künstler bei einem Besuch der Freiherren von Gemmingen, auf der Burg Maienfels im Hohenlohischen, notiert und daheim ausgearbeitet hat.

Einen weiteren Beweis für die wohlüberlegte Arbeitsweise des Malers sehen wir in den Silberstiftzeichnungen, die das Gegenteil spontaner Ausdruckskunst darstellen. Auf dem vorbereitend grundierten Papier gibt es weder Vorzeichnung noch Korrektur, und jeder der kaum sichtbaren, hellgrauen Striche, die der Silbergriffel abgibt, muss richtig sitzen. Erst im Lauf der Jahre, wenn die Zeichnung oxydiert, kommt ihr Braunton so deutlich heraus, wie wir ihn hier heute, nach 50 und mehr Jahren, sehen.

Dann gibt es einige Einzelbilder, die einmal durch die Kraft ihrer Farbglut besonders auffallen, zum anderen jedoch durch die Abwesenheit bunter Farbigkeit. In beiden Fällen gilt: die Machart beinhaltet jeweils Auswirkungen und Auskünfte für den Betrachter. Und weiter gilt auch, was für alle Malerei gilt: die Botschaften des Künstlers erreichen uns mehr oder weniger, richtiger oder unrichtiger, vollkommener oder unvollkommener. Dies hängt ganz von der Empfindungsgabe des Betrachters ab.

Wer war dieser Freiherr von Geyer zu Lauf, der solche Bilder malte? Das Geschlecht der Freiherren von Geyer in der Oberpfalz erhielt seinen Beinamen nach dem Ort Laufenthal in der Nähe von Regensburg, wo ihr Schlösschen noch heute steht und der Namen noch Klang und Rang hat. Zu Napoleons Zeiten siedelte die Familie ins Badische über, wo der Großvater Emerich Zolloffizier wurde und Mathilde von Rotteck heiratete, jüngste Tochter des großherzoglichen Oberamtsrichters, der damals im Emmendinger Bezirk wirkte.

Der ursprüngliche Wunsch von Hans von Geyer, Ingenieur zu werden, wurde durch eine schwere Krankheit unmöglich gemacht. Die damit verbundene Auseinandersetzung mit dem Tod prägte Leben und Werk. Sein Talent führte zur autodidaktischen Beschäftigung mit der Kunst, die ihm bei der Arbeit die größtmögliche Schonung seiner Gesundheit erlaubte. So kam der hochgewachsene, gutaussehende junge Freiherr, geb. am 1. Januar 1895 in Freiburg, nach dem Abitur und Aufenthalten in Davos zur Malerei.

Zeitlebens machte er auch Hausmusik mit seinem Cello und war außerordentlich belesen. Den Kunstmarkt erreichte er nie, hatte sich jedoch schlussendlich aufgrund seiner außerordentlich beeindruckenden Persönlichkeit und auch mit Hilfe seiner zweiten Frau Isolde Frey einen Freundes- und auch Liebhaberkreis geschaffen, der es ihm ermöglichte, von seiner Kunst zu leben. Ausstellungen in Worms und Darmstadt während der Zeit des Nationalsozialismus, wo er bei Bensheim an der Bergstraße wohnte, brachten keine Anerkennung und Verkäufe. Das änderte sich bald nach dem Krieg, dessen schreckliches Ende er mit dem Bild „Das brennende Freiburg“, das im Augustiner-Museum ausgestellt ist, sichtbar machte.

Nach einer Zeit politischer und auch privater „Dunkelheit“ fand er zu seiner Technik, die er „diaphan“ nannte. Als Autodidakt von der Malerei Grünewalds und Dürers ausgehend, hatte er für sich den Wert der Lasuren entdeckt. Dabei werden die Farbschichten in vielen Arbeitsgängen so dünn aufgetragen, dass das lichtreflektierende Weiß der Grundierung den Pigmenten und Farbstoffen eine größtmögliche Leuchtkraft verleiht. Leinöl wird, soweit notwendig, ganz sparsam beigefügt; denn es macht die Farbe geschmeidig, aber es gilbt. Als Bindemittel dienen hauptsächlich Mastix, Dammar und andere Harze und Firnisse. Die Untermalung wird mit schnell trocknenden Aquarell- d.h. Wasserfarben aufgetragen.

Hans von Geyer zu Lauf kannte u.a. die Rezepturen des Farbtechnikers Cenino Cenini aus essen „Traktat über die Malerei“ (1435) und stellte seine Farben selbst her. Er stand auch in regem Austausch mit dem Malforschungsinstitut Doerner in München. Es ist klar, dass dieser Mann das, mit was er sich beschäftigte, geistig durchdrang und damit auch geistig begründete. In jedem Falle haben wir eine Malerei von geistig hohem Rang vor uns: keine ungefilterte Weitergabe momentaner Befindlichkeit unter Zuhilfenahme des Zufalls, sondern eine ins Werk gesetzte Weltbewusstheit.

Einerseits benützte er die Farben und das Licht und setzte sich mit ihren Wechselwirkungen auseinander. Andererseits beschäftigte ihn aber auch deren Gegenpol, das Dunkel und die Nacht - und zwar nicht allein für das Darstellen eigener Erfahrung und Weltsicht, sondern auch die ganz einfach handwerkliche Herausforderung, die darin liegt, das Dunkel mit den Mitteln des Lichts sichtbar zu machen, was einen Widerspruch in sich trägt.

In allen bekannten Mythologien weltweit besteht vor aller Erschaffung, vor allem Werden, die Dunkelheit, das Nichts. Das Reich der Finsternis und sein Fürst sind dem Bösen zugeordnet, dem Chaos, der Verneinung. Schwarz schluckt alle Farbe. Ohne Licht sind wir blind, hilflos, orientierungslos. Dies betrifft unsere Leiblichkeit. Und für das Seelen- und Geistesleben gelten die gleichen Begriffe. Der Mensch, als Teil der Natur, ist Träger auch ihrer Dunkelheiten. Obwohl der Mensch selbst nicht in Erscheinung tritt, versetzt dieser Maler den Betrachter hintergründig auf Grate, die sich als Stück unserer menschlichen Lebenslandschaft schlechthin erweisen, lenkt er unseren Blick von der äußeren auf die innere Welt.

Hans von Geyer begegnet früh Krankheit und Tod, erlebt es, allein, unverstanden, verlassen zu sein, erleidet unbefriedigende private und politische Umstände, mangelnde Anerkennung und Zuwendung, finanziellen Misserfolg, Kriegsnöte, später noch die offenbare Bedrohung der Natur durch den menschlichen Erfindungs- und Zerstörungsdrang. Dies ist es, was bei ihm zu den Bildern lautloser Dunkelheit und Kälte führt, wie wir sie in den Bildern „Orphische Landschaft“ und „das namenlose“ sehen, und später zu den schwarzen Flecken, die er als Warnzeichen vor das Heitere, Helle streut, sei es als fetzengleiche Reste der Ur-Nacht oder als sternbildartige, abstrakte Raster in der Bilderreihe der Burg Maienfels.

Wie anders ist der Umgang mit der natürlichen Dunkelheit im Zyklus der  Landschaftsaquarelle! Hier ist nichts von Bedrohlichkeit zu spüren. Das nächtliche Blau bedeckt die Welt mit seinem geheimnisvollen Mantel und erzählt von Schlaf und Traum. Hier tritt uns die Dunkelheit als Schöpferisches, Verheißungsvolles entgegen, in dessen Schoß die Erwartung des Tages ruht. Die Nacht, der ein Morgen folgt, ist eine andere als die des Kerkers, in den der Mensch physisch oder psychisch geworfen ist.  -

Hans von Geyer zeigt uns das Kunststück, „Dunkelheit“ jeder Art sichtbar zu machen und zwar allein durch die Zumessung von Licht. So zu malen, hat bis jetzt nicht zu Erfolg und Anerkennung im Kunstbetrieb geführt. Vielleicht wird die Zeit einmal reif dafür sein.