Start Biographie Bericht vom Vater

Also an jenem Abend etwa um 8, als der mörderische Überfall auf unser liebes Freiburg war, saßen meine Hausgenossen mit mir im Keller, denn es war Vollalarm. Wir hörten wohl in der Ferne krachen von Bomben und große Schwärme von Fliegern kreisten unendlich lang, bald weiter weg, bald direkt über unseren Köpfen. Da ein besonders starker Nebel war, sahen wir nichts, gar nichts, nirgends eine Helle oder Röthe am Horizont und so kam niemand zur Annahme, dass der Angriff dem nahen Freiburg gegolten hat. Und doch war dem so, leider, wie wir erst am anderen Morgen erfuhren.

In sage und schreibe 20 Minuten ist die schöne Stadt, mit Ausnahme von Herdern und Wiehre, zu einer Trümmerstätte unvorstellbaren Ausmaßes geworden. Von Stunde zu Stunde kamen dann immer mehr Nachrichten hierher, die darauf schließen ließen, dass die Katastrophe beträchtlich groß sein musste, und demgemäß stiegen bei uns hier Angst und Sorgen. Telephon und Telegraph waren unbenützbar, es verkehrte kein Zug, man war abgeschnitten. In der Hoffnung, dass vielleicht einer meiner Söhne mit dem Rad käme und berichtete, wartete ich bis gegen Abend. Beim Versuch an der Bahn zu erfahren, wann etwa ein Zug zur Stadt fahre, begegnete ich dem Kommandanten der hiesigen Feuerwehr, die eben heimgekehrt war, und der berichtete mir nun eingehend über seine Wahrnehmungen.

Da der Herr schon viele solcher Katastrophen, u. a. in Karlsruhe, gesehen und in Kürze eine Reihe solcher heimgesuchter Städte besucht hatte, also große Erfahrung hatte, so kannst Du Dir meinen Schrecken vorstellen, nichts käme auch nur entfernt der Heimsuchung Freiburgs gleich, die Zerstörung von Karlsruhe z. B. sei gar nichts dagegen. Natürlich erfrug ich sofort, wie die Gegend weggekommen sei, in der meine Söhne wohnten, und da gab es sehr beruhigende Nachrichten, jene Häuser stünden noch alle. Er muss aber nur sehr von weitem hingeschaut haben, denn in Wirklichkeit sah es ganz anders aus. In jener Gegend war der erste Angriff, und Dutzende von Sprengtrichtern aller Größen zeugen von seiner Stärke. Aber ich spreche davon nachher.

Etwas erleichtert ging ich heim, hoffend, dass meine Söhne im Keller und gerettet waren. Tags darauf aber kam wieder keine Nachricht von diesen, und alle Versuche um solche schlugen fehl. Zu allem Unglück hatte ich schweren Katarrh und Ohrschmerz dabei, sodass es natürlich recht riskant war, damit zu Fuß zur Stadt zu wandern oder zu sehen, dass ein Lastauto mich mitnehme. Da kam eine Lösung am Abend: am nächsten morgen würde ein Zug um ¾ 6 nach Freiburg gehen, wenn er genug Kohlen habe. Diesen benützte ich dann und kam nach endloser Fahrt gegen 8 in Herdern an; weiter konnte er nicht.

Was sich nun meinen Augen bot, war grauenerregend, und ich kann Dir sagen, dass mir oft die hellen Tränen über die Augen liefen und noch heute kommen, wenn ich daran denke.

Die Zerstörung beginnt am Kompturplatz und reicht etwas übers Martinstor. Nach Herdern zu etwa bis Wölflinstraße. Von der Bahn ging ich über den Rennweg in die Zähringerstraße, da ist alles kaputt, dann zum Diakonissenhaus, das sehr gelitten. Von da die Karlstraße hinein zur Stadt, aber ich kam nur bis zur Karlsschule, dann war ein Durchkommen unmöglich; die Schule eine Ruine. Auf dem alten, schönen Friedhof totale Verwüstung, gerade die schönen alten Bäume mit der Wurzel herausgeschleudert; viele Sprengtrichter. Dann weiter durch die Stadtstraße, wo alle Häuser ausgebrannt, zur verschwundenen Festhalle (um die ist es nicht schade!), Bernhardstraße zum Karlsplatz, Reichsbank. Jetzt links am Wänkerhaus vorbei zu Hans im Hause Norman. Alle die Häuser, das einst Sautier’sche als erstes bis Norman völlig ausgebrannt, letzteres hohe Haus aber bis auf einen kleinen Mauerrest an der Ecke total vom Erdboden verschwunden, ganz in sich zusammengestürtzt, den Keller füllend, in dem jetzt noch drei Leichen liegen sollen (u. a. Frau Scheible). Mit dem Haus Hansens ganzes Atelier mit allem Hab und Gut, den Kleidern, Wäsche, zwei großen fertigen, neuen Ölgemälden, seinen Mappen und seinem wunderbaren, höchst wertvollen Cello, einem alten Meisterinstrument, kurz alles restlos zertrümmert und verbrannt.

Und wo ist mein Junge? Niemand kann mir Auskunft geben, schippende Soldaten und sonst kein Mensch weit und breit. Nun wandte ich mich hinüber zu den kleinen Häusern, wo Helmuth wohnte. Aber auch da alles total leer gebrannt, nur noch die kahlen Vorderfronten! Und somit auch mein armer Helmuth um alles gekommen. Ich eilte erschüttert um die Ecke in die Herrenstraße, wo Helmuths Freunde wohnten, fand aber auch hier nur totale Verwüstung. Umkehrend sehe ich am Zaun bei Helmuths Wohnung einen kleinen, dreckigen Pappdeckel aufgespießt, darauf die erlösenden Worte, dass beide Söhne heil und gesund in Güntersthal Unterschlupf gefunden. Wie atmete ich da auf! Ich ging dann zur Kusine Helenes in die Mozartstraße, einer 80jährigen blinden Dame, wo ich Näheres erfuhr. Hans, Helmuth und des letzteren Freund hatten in der Nacht zuvor bei und mit ihr in ihrem Schlafzimmer geschlafen, weil es der einzige Raum ihres Hauses war, bei dem man relativ leicht die Kälte abhalten konnte; denn alle Fenster waren kaputt und fast alle Türen desgleichen. Und dabei ist dies Haus „kaum beschädigt“ gegenüber fast allen anderen. –

Erst am Abend um 5 gelang es mir, Helmuth aufzutreiben, der mich nach Herdern begleitete, wo um 6 ein Zug abfuhr; Hans traf ich nirgends, er kam dann aber  24 Stunden später hierher. Was die Zerstörung der Stadt anbelangt, so ist sie mit Worten gar nicht zu schildern; es spottet jeder Beschreibung, wie es da aussieht. Ich versuchte oben schon in einer Skizze Dir den Umkreis aufzuzeichnen, sie ist aber falsch geraten, ich lege eine andere bei. Mit Ausnahme von Herdern und Wiehre ist Freiburg nur noch ein Schutthaufen oder Ruinenfeld. Alle die netten alten Gassen der Innenstadt sind gewesen und fast alle hervorragenden Gebäude.

So sind ganz zerstört die Kliniken und Anstalten der Alberstraße, von den riesigen neuen Kliniken vor allem die Frauenklinik¸ dann die Kinderklinik, Carolushaus, Mutterhaus, Josephskrankenhaus (Graf Küpferle), Knabenseminar, der Prachtbau von Herder, Diakonissenhaus; beide Rathäuser, beide Universitäten, Stadttheater, Gymnasium, Pfründnerhaus, Vinzentiushaus, Kornhaus, Karlskaserne, Nordkaserne, Artilleriekaserne, Großh. Palais, Landeskommissariat, erzbischöfl. Palais, Bankhaus Krebs, Ludwigs-, Martins-, Konvikt-, Luther-, Universitätskirche; alle die Straßen: Nussmann-, Engel-, Münster-,, Friedrich-, Bernhard-, Tennenbacher-, Rotlaub-, Jacobi-, Rennweg, Herrengasse bis Konviktskirche und noch eine Masse anderer sind größtenteils restlos zerstört, oder es stehen nur noch die leeren Fassaden; dann sind zerstört die Hotels der Inenstadt, besonders am Bahnhof, dieser selbst, Post- und Telegr. Amt, der ganze Stühlinger, die große am Mooswald gelegene Siedlung, die Vororte Betzenhausen und Lehen. Der Freiburger Friedhof soll schrecklich aussehen, sehr verwüstet ist der schöne, alte; dann der Stadtgarten, der Schlossberg, dann dieser hinter letzterem, hinauf bis ans Kreuz etwa; dann die meisten Villen am Schlossberg, Mozartstraße, Stadtstraße usw..

So könnte ich noch lange aufzählen. Es kann nach allgemeiner Ansicht nicht anders sein, als dass der Feind diesmal seinerseits auch eine „neue Waffe“ angewandt hat und gleich in der bei ihm üblichen Menge. Und wenn von dieser gleich 4 oder 5 Bomben nur wenige Meter voneinander fielen, so ist es ja kein Wunder,, dass die Zerstörung so ungeheuer wurde. Und leider ist sie wohl noch nicht zu Ende. Nicht nur, dass noch eine Reihe von Blindgängern herumliegen, deren einer erst am anderen Morgen das Haus des Erzbischofs in Brand setzte, sondern es ist noch mit weiteren Angriffen zu rechnen.

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